Das Paradigma in der Fotografie

Motiv – Fototechnik – Ästhetik – Aussage

 

Wenn man Motive sucht oder gefundene Motive beurteilen will, kann es nützlich sein, ein paar theoretische Kategorien und Grundbegriffe zu kennen. Überall wo Menschen erfolgreich tätig sind, gibt es ein theoretisches Fundament. Hier macht auch die Fotografie keine Ausnahme. Bei Hobby- und Gelegenheitsfotografen wird das in der Regel nicht für notwendig erachtet. Profis, insbesondere Medienprofis behalten ihr Wissen lieber für sich. Wie könnten sie sich sonst aus der Masse der Fotografen hervorheben. Die Mittel der gewöhnlichen Umgangssprache sind nur bedingt geeignet, um visuelle, fotografische oder filmische Sachverhalte zu analysieren und umgekehrt bewusst zu konstruieren. Wir hören immerzu und lesen es in jedem Fotobuch, dass ein Foto etwas aussagen soll. Aber was ist das? Genau da kann eine Wissenschaft hilfreich sein, die sich Semiotik nennt. Aus der Linguistik hervorgegangen wurden einige sinnvolle Begriffe erfunden, die sich für eine einfache und gründliche Analyse von Bildwerken, also auch von Fotos eignen. Genau genommen sind es nur vier neue Begriffe:  Visuelle Kommunikation,  Zeichen, Paradigma und Syntagma. Die visuelle Kommunikation ist der Oberbegriff, der das gesamte Phänomen der Produktion und Verwendung von Fotos bezeichnet. Visuelles Zeichen ist jedes erkennbare Objekt. Wenn wir die Objekte einer Foto-Szene erkennen und definieren, ob nur mit dem Auge oder als Foto festgehalten, haben wir die Zeichen schon erkannt und definiert. Das Syntagma ist im Mindestfall ganz einfach der Sehbereich oder die Fläche unseres Fotos. Allein dadurch, dass sich zwei Objekte auf einer Bildfläche befinden, stehen sie in einem syntagmatischen Zusammenhang. Weil ja die Semiotik aus der Semantik und diese aus der Sprachwissenschaft herrührt, kann man auch sagen, die Zeichen sind visuelle Wörter und das Foto ist der Satz, also das Syntagma. Da sind wir dann schon dicht an der (Satz-)Aussage.

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Aber natürlich wollen wir nicht einfach sinnlose visuelle Zeichen (projizierte Objekte) auf der Bildfläche zusammenbringen, sondern gezielt und konzentriert vorgehen. Und dabei wird der Begriff des Paradigmas äußerst nützlich. Die meisten haben aus der gehobenen öffentlichen Diskussion vielleicht den Begriff Paradigmenwechsel im Ohr. Aber gehen wir der Reihe nach vor. Ein Paradigma ist eine Sammlung von Zeichen (Wörtern), die einer gemeinsamen Klasse mit gemeinsamen Merkmalen zugehören. In der Sprache wäre das eine Spezialwörterbuch mit ausgesuchten Wörtern. Beispielsweise eine Liste von Wörtern der aktuellen Werbe- oder Propagandasprache. Solchen Listen können wir auch für bestimmte fotografische Bereiche festlegen, etwa eine Sammlung der typischen Gesten und Bewegungen von Models in der Modefotografie. Oder eben wie hier ein Paradigma der Urbanität oder Großstadt. Fußgängerüberführungen und Trinkhallen gehören ohne Zweifel zumindest in Frankfurt dazu. Auch dürfen sie im Paradigma der 70er Jahre nicht fehlen. Damals hat man sich so aufwändige Bauwerke geleistet. Und die Trinkhallen erlebten ihre Blütezeit. Das Gemälde an der Tür zur Trinkhalle stammt wohl auch aus dieser Epoche und ähnelt sehr den älteren Wandmalereien in Frankfurter Bordellen, die damals ebenfalls ihre beste Zeit hatten. Wahrscheinlich derselbe Künstler. Auch der noch sichtbare Teil des Wohnblocks links hinten ist typisch 70er Jahre. Arbeiterwohnungen. Ein Stück Frankfurt der Wirtschaftswunderjahre. Heute unmodern und manchem ein Dorn im Auge. Und jetzt sind wir beim Paradigmenwechsel. Ein solcher hat stattgefunden. Man baut heute keine Trinkhallen und Fußgängerüberführungen mehr. Ampeln, Schnellimbisse, Fitnesscenter, Supermärkte wohin man schaut. Ich könnte jetzt eine beliebig lange Liste zum neuen urbanen Paradigma aufstellen. Der Reiz des Fotos lag für mich in der Verdichtung des alten Paradigmas. Und ein bisschen Neuzeit in Form des modernen Weihnachtsmann-Kitsches und der Satellitenschüssel bildet einen hübschen Kontrast.