Goldener Schnitt

Motiv – Fototechnik – Ästhetik – Aussage

 

Die Bildaufteilung wie Platzierung des Horizonts oder eines Objektes wird allgemein als harmonisch empfunden, wenn sie ungefähr dem Goldenen Schnitt entspricht.

Die Formel des Goldenen Schnitts für die ästhetische Aufteilung einer Gesamtheit, z.B. einer Strecke lautet

Φ = a / b = (a + b) / a  1,618

Phi ist die sogenannte Goldene Zahl, a = größerer Teil, b = kleinerer Teil

Für die Abschätzung im Kamerasucher sind Prozentangaben besser geeignet:

a ≈ 61,8 %  b ≈ 38,2  %     ungefähr 6 Teile zu 4 Teilen auf einer 10-teiligen Skala

Abbildung unten: Das Goldene Rechteck, gelb gezeichnet.

Das Seitenverhältnis kurz zu lang ist 1:1,618. Das ist im Vergleich zum meist verbreiteten Film oder Sensorformat ein längeres Rechteck. Dort haben wir ein Verhältnis von kurz zu lang von 1:1,5. Das A4-Format und die meisten Fotopapiere  sind sogar noch kürzer. Verhältnis kurz zu lang ≈ 1:1,4. In der Abbildung sind die kürzeren Formate durch grüne senkrechte Linien angedeutet.

Weiter sieht man auf der waagrechten und senkrechten Symmetrieachse eine Streckenunterteilung im Verhältnis des Goldenen Schnitts. Rot zu Blau, also Kurz zu Lang steht im Verhältnis 1 : Φ  (1,618).  Auch die beiden kurzen und die beiden langen Abschnitte stehen zueinander wieder in der Proportion 1 :  Φ.  Der Goldene Schnitt entwickelt im Goldenen Rechteck eine Reihe harmonischer Bezüge, die bei Benutzung der üblichen Sensor- und Fotopapierformate aber verloren gehen.

Klar ist also, dass der Nutzen des Goldenen  Schnitts schon durch die Bildformate mit Einschränkungen verbunden ist. Aber es gibt noch ein weiteres Problem. Geometrische Einteilungen setzen eine Homogenität der Bildfläche voraus. Für den Goldenen Schnitt ist es unerheblich, ob die kürzere Strecke rechts oder links, unten oder oben positioniert ist. Nach Experimenten der Wahrnehmungspsychologie ist die Bildfläche aber gerade nicht homogen. Es gibt Positionseffekte. Rechts und oben können Strecken länger als links und unten wirken. Eine Objekt gleicher Fläche wirkt rechts gewichtiger als links.

Alles in allem ist der Goldene Schnitt ein Denkmodell zur Harmonisierung der Flächeneinteilung. Man kann versuchen, Motivobjekte im Sucherfeld so anzuordnen, dass ihre senkrechte und/oder waagrechte Position ungefähr der Unterteilung des Goldenen Schnitts entspricht. Das geht mit jedem Bildformat, wenn man die senkrechte und waagrechte Position für sich und absolut nimmt. Eine höhere geometrische Harmonie, welche sich ja oft durch vielfältige Zusammenhänge auszeichnet, wird dadurch aber nicht erreicht. Der Goldenen Schnitt reduziert sich dann letztlich auf ein Hilfsmittel, um die oftmals etwas langweiligen mittigen Positionen zu vermeiden. Und schließlich sind es dann doch meistens Intuition und Bauchgefühl, die den Ausschlag geben.

Trotzdem kann der Goldene Schnitt als fotografisches Gestaltungsmittel für den Bildaufbau genutzt werden. Dabei geht es um eine Harmonisierung der Bildgeometrie. Es ist wie mit allen fotografischen Wissensgebieten: wer sich damit intensiver beschäftigt, wird seinen Nutzen daraus ziehen. Ansonsten kann man gleich auch die sogenannte simple Drittelregel benutzen, für die Objektplatzierung ein 3 x 3 – Raster  nehmen und solange hin- und herschieben, bis sich das Motiv gefühlt ausbalanciert zeigt.

Nachtrag: ich habe mittlerweile einige Experimente gemacht und sehe den Goldenen Schnitt eher skeptisch. Das persönliche Gefühl für Proportionen kann er nicht ersetzen. Hier ein Beispiel:

Originalaufnahme

Raster des Goldenen Rechtecks über die Aufnahme gelegt

Auf Goldenen Schnitt zugeschnittene Aufnahme

Die üblichen Kameras und Bildbearbeitungen bieten wenig Hilfsmittel, um Fotos in den Goldenen Schnitt zu bringen.  Man muss dann schon mit mehreren Ebenen arbeiten. Den oben gezeichneten Raster habe ich als Ebene zum Bild hinzugefügt, beschnitten, und die Rasterebene wieder gelöscht. Mit dem Beschnitt ist allerdings ein Qualitätsverlust verbunden. Und mir gefällt das so erzeugte Foto auch nicht besser als das Original. Abgesehen davon, dass die Ausschnittvergrößerung die Sonne etwas mehr zur Geltung kommen lässt. Der Goldene Schnitt scheint mir ein Mythos zu sein.

Auch die oftmals verwendete Begründung des Goldenen Schnitts als eine Art Naturkonstante darf in Zweifel gezogen werden. Lange galten ja die Proportionen antiker Statuen als besonders schön.

Der Mensch nach dem Goldenen Schnitt (Scheitel – Bauchnabel / Bauchnabel – Fuß) entspricht aber nicht mehr dem modernen Schönheitsideal. Und fällt somit als Anschauungsbeweis für den natürlichen Sinn des Goldenen Schnitts aus.

 

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