Das analoge Zeichen in der Fotografie

Motiv – Fototechnik – Ästhetik – Aussage

Ceci n’est pas une pipe / Dies ist keine Pfeife – eine simple Wahrheit von Magritte, die keineswegs surrealistisch ist.

Nach archaisch primitiven Vorstellungen werden Bilder oder Fotos in gewisser Weise mit der Wirklichkeit, also dem dargestellten Objekt gleichgesetzt. Man denke an die Verehrung von Heiligenbildern oder die Praktiken von Vodoo-Zauberern, die Nadeln in das Foto einer Person stecken, um diese damit zu verletzen. Solche archaischen Vorstellungen bestimmen auch Teile unserer Rechtsprechung, wenn mit Fotos angeblich Urheber- oder Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Statt dieser Gleichsetzung von Foto und Realität muss ein Foto als ein Text visueller oder auch fotografischer Zeichen aufgefasst werden. Die einzelnen auf einem Foto erkennbaren Objekte werden als Zeichen interpretiert. Das ist eine logische und rationale Sichtweise. Wenn ein Foto Schriften abbildet, redet man von digitalen Zeichen. Sind es Objekte, handelt es sich um sogenannte analoge Zeichen. Auch die Computeranalyse von Bildinhalten setzt bei diesem Konzept an. Dort werden zunächst einmal Objektformen erkannt, also analoge Zeichen, denen man dann mit Algorithmen und Datenbankvergleichen eine Bedeutung zuordnet. So erkennt Flickr für die automatische Einfügung von Tags bereits eine ganze Reihe von Objekten.

Das analoge Zeichen ist nichts anderes als eine zentralperspektivische Projektion realer Objekte auf eine Fläche. Auf die Retina des Auges, einen Film oder auf die Sensorfläche der Digitalkamera.

Wir sind gewohnt, von der perspektivischen Projektion eines Objektes auf dessen Ausmaße, Entfernung und Eigenschaften zu schließen. Gleichgültig ob wir das Objekt mit dem bloßen Auge oder über ein Foto sehen. Das ist ein Interpretationsvermögen, dessen volle Entwicklung sich über die ganze Kindheit erstreckt. Schon daraus beweist sich der Zeichencharakter. Und der Unterschied zur Realität.

Unten sehen wir eine Motiv-Szene mit rotem Ferrari und der Ankündigung einer Geschäftseröffnung von Dior. Das Auto springt spontan ins Auge, in der realen Motiv-Szene wie auch auf dem Foto. Die Schriftzeichen als solche kann auch ein Analphabet erkennen. Es sind visuelle, sichtbare Zeichen, aber keine analogen Zeichen. Man kann nicht allein aus der Form der Buchstaben und Wörter auf deren Inhalt schließen. Diese Bedeutungen setzen das Lesenkönnen in einer bestimmten Sprache voraus. Man nennt sie in Unterscheidung zu den analogen Zeichen digitale Zeichen.

Denotation

Die Bedeutung des analogen Zeichens erschließt sich jedem, der schon einmal Autos gesehen hat. Ein rotes Auto. Ein Ferrari. Einem Autokenner würde noch Modell, Baujahr, PS und mehr einfallen. Die Denotation eines analogen Zeichens ist also individuell und kulturell durchaus unterschiedlich. Verschiedene Betrachter lesen Unterschiedliches aus einem Foto heraus.

Konnotation

Noch vielfältiger als die direkten Bedeutungen und Denotationen sind die Konnotationen oder Assoziationen eines Zeichens. Ein Automobilfan wird den Ferrari möglicherweise als Inbegriff automobilen Fortschritts und als begehrenswertes Objekt sehen. Andere sehen in dem Auto einen unnötig teuren Luxus, Umweltschädigung, Zeichen einer Klassengesellschaft oder Angeberei.

Syntagma

Die unmittelbare Gegenüberstellung von Dior und Ferrari verschiebt die Konnotation des Autos in Richtung teurer Luxus. Schließlich steht Dior für sündhaft teure Luxusmode. Technische Konnotationen treten in den Hintergrund. Das Syntagma als Zusammenstellung verschiedener Zeichen beeinflusst die Aussage eines Fotos entscheidend.