Ästhetik

Motiv – Fototechnik – Ästhetik – Aussage

Ästhetik allgemein

Ästhetik kommt aus dem Griechischen und bedeutet Lehre von der Wahrnehmung. Es geht hier um die menschliche Wahrnehmung dessen, was auf einem Foto abgebildet ist. Man muss klar unterscheiden zwischen der Ästhetik eines Objektes, das Teil einer Foto-Szene oder Motivs sein kann und der Ästhetik der Wahrnehmung des Fotos als Ganzem. Ein ästhetisches Foto lässt sich sowohl von schönen als auch von hässlichen Objekten machen. Allerdings ist es deutlich leichter, von schönen Objekten ein schönes Foto zu machen. Manche Motive sperren sich erfolgreich gegen jede ästhetische Absicht. Die Ästhetik des Fotos ergibt sich aus einer geeigneten und angemessenen Gestaltung. Ästhetik bedeutet hier eine Gestaltung, die den Betrachter bindet und auf das eigentliche Motiv hinführt. Ästhetik bedeutet auch Prägnanz, Ausdrucksstärke, Erkennbarkeit. Etwas, das ins Auge springt, in die Augen sticht. Eine ästhetische Komposition vermeidet Ablenkung durch Nebensächlichkeiten oder offensichtliche Bildfehler. Sie bietet dem Auge Anhaltspunkte und Informationen. Und noch viel mehr. Ästhetik ist ein gutes Gesamtbild, welches sich aus vielen einzelnen gestalterischen Maßnahmen ergibt. Die wichtigsten Regeln und Prinzipien werden im folgenden behandelt.

Vielfach ist eine einseitige Konzentration auf die Ästhetik zu beobachten. Eine Annäherung an die moderne Kunst in ihrer abstraktesten Form. Dabei hat sich die moderne Kunst zumindest teilweise als Folge des Aufkommens der Fotografie entwickelt. Um etwas zu schaffen, was die Fotografie typischerweise nicht konnte. Heute beobachten wir, dass sich Fotografie auch in dieser Domäne der Kunst hervortut. Das sind die sogenannten Stracts. Abstrakte Fotos. Darüber hinaus hat sich die Bildbearbeitung selbst zu einer grafischen Kunst entwickelt. Jede bessere Bildbearbeitung enthält zahlreiche künstlerische Effektfilter und man kann damit auch malen, zeichnen und Montagen bzw. Collagen anfertigen. Dabei geht aber der Realismus der Fotografie teilweise verloren. Die eigentliche Stärke. Man kann natürlich die Stracts auch als lehrreiche kompositorische Übungen betrachten. Ebenso wie manche Kreationen der abstrakten Kunst. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wichtig scheint mir aber, die Ästhetik im Zusammenhang des fotografischen Gesamtprozesses zu sehen. Sonst besteht die Gefahr einer unproduktiven und wenig sinnhaltigen Einseitigkeit.

Ästhetisches Maß nach Birkhoff

George David Birkhoff (1884–1944), ein amerikanischer Mathematiker, hat aufgrund von Kunststudien eine Formel der Ästhetik oder Schönheit entwickelt. Die Berechnungen hat er anhand von Polygonen durchgeführt, die sich durch die Verbindung einzelner in einem Bild unterscheidbarer Objekte ergeben. Je mehr solche Objekte vorhanden sind und Verbindungen zwischen ihnen hergestellt werden können, desto größer ist die Komplexität. Ordnende Faktoren ergeben sich unter anderem aus Lage, Symmetrien und Form der Objekte. Ein maximaler ästhetischer Wert M = 1 wird erreicht, wenn sich Komplexität und Ordnung die Waage halten.

M = O / C

M = aesthetic measure; O = aesthetic order; C = complexity

Selbstverständlich werden wir beim Fotografieren keine mathematischen Analysen und Berechnungen anhand von Polygonen durchführen. Aber wir können die Formel trotzdem ganz praktisch als ein heuristisches Modell betrachten und einmal schauen, wie komplex die zu fotografierende Szene ist und mit welchen Mitteln man sie so ordnen kann, dass man sich gefühlsmäßig einem Gleichgewicht zwischen O und C und damit einer guten Ästhetik annähert. Aber bleiben wir noch einmal kurz bei den Polygonen. Fotografieren wir zum Beispiel ein Gebäude direkt frontal und in der Mitte und haben einen erhöhten Standpunkt, so dass die optische Achse unserer Kamera auf die Mitte der Gebäudehöhe zielt, bekommen wir ein perfektes Rechteck (Polygon). Die Ästhetik des Fotos ist damit schon beinahe sicher. Fotografieren wir aus Augenhöhe und stehen tiefer als die Gebäudemitte, ist es vorbei mit dem Rechteck. Wir erhalten die berüchtigten stürzenden Linien. Aber immerhin hat das Polygon noch eine Achsensymmetrie. Der ästhetische Wert ist bereits reduziert. Komplex wird das Ganze, wenn wir das Gebäude über Eck fotografieren und noch tief stehen. Dann ist es schnell vorbei mit Symmetrie und Ästhetik. Man muss schon eine Reihe von Maßnahmen treffen, um dem Foto noch ausgleichende Ordnung zu verpassen. Auf diesem Hintergrund hat man auch bereits eine gute Erklärung, warum das Entzerren stürzender Linien in der Regel die Ästhetik eines Fotos verbessert und so beliebt ist.

Um dieses etwas abstrakte Balance-Modell der Ästhetik mit Sinn zu füllen, mache ich mal einen Vorgriff auf die noch folgenden Gestaltungsmaßnahmen. Das Modell ist äußerst hilfreich bei der Bewältigung immer wieder auftauchender ästhetischer Probleme.

Problem: das Foto ist verwirrend und zu kompliziert

Hier hilft die Reduktion der Komplexität. Man kann durch die Wahl des Ausschnitts die Zahl der Objekte und Details verringern. Ferner durch Wahl der Beleuchtung und Atmosphäre. Nebel, Dunkelheit, Gegenlicht, Schnee verschlucken Details. Nahezu immer können wir mit geringer Tiefenschärfe lichtstarker Objektive arbeiten. Schwarz-Weiß, Reduktion von Farben wären weitere Mittel.

Wollen wir aber Details und Objekte im Bild behalten, haben wir die Möglichkeit die Ordnung zu erhöhen, um die Balance zu erreichen. Strenge Ausrichtung an der Geometrie des Formates, klare Perspektive, Ausnutzung virtueller Formen wie Dreieck, Kreis oder sonstiger prägnanter Gestalten. Harmonisierung durch den Goldenen Schnitt und mehr.

In vielen Fällen wird man beide Möglichkeiten in einer Art Kompromiss verwenden.

Problem: das Foto ist zu langweilig, zu einfach strukturiert, es fehlt an Spannung und Interessantheit

Hier gehen wir umgekehrt vor. Wir erhöhen die Komplexität z. B. durch ausgeprägte Detailschärfe. Durch gezielte Störungen der Gleichförmigkeit. Etwa ein gekipptes Fenster in einer Glasfassade. Durch einen größeren Ausschnitt mit zusätzlichen Objekten.
Oder aber wir reduzieren die Ordnung. Weniger Symmetrie, weniger Ausrichtung, dynamischere Perspektive, starke Schatten, Spiegelungen usw.

Der Goldene Schnitt

Die Bildaufteilung wie Platzierung des Horizonts oder eines Objektes wird allgemein als harmonisch empfunden, wenn sie ungefähr dem Goldenen Schnitt entspricht. Die Formel des Goldenen Schnitts für die ästhetische Aufteilung einer Gesamtheit, z.B. einer Strecke lautet
Φ = a / b = (a + b) / a ≈ 1,618
Phi ist die sogenannte Goldene Zahl, a = größerer Teil, b = kleinerer Teil
Für die Abschätzung im Kamerasucher sind Prozentangaben besser geeignet:
a ≈ 61,8 % b ≈ 38,2 % ungefähr 6 Teile zu 4 Teilen auf einer 10-teiligen Skala
Noch besser und mit einem 3 x 3 Gitterraster leicht zu beherrschen ist die Drittel-Regel:
a ≈ 66 % b ≈ 33 %
Das trifft den Goldenen Schnitt allerdings nur ungefähr. Praktisch jedoch, weil sich bei den meisten Kameras ein 3 x 3-Raster einstellen lässt. Alles in allem ist der Goldene Schnitt ein Denkmodell zur Harmonisierung der Flächeneinteilung. Es schadet nichts, die Flächeneinteilung bewusst zu betrachten und auszuprobieren. Es ist eine einfache Geschichte, weil es hier nur um eine senkrechte und waagrechte Positionierung von Motivteilen handelt. Eine Art Hin- und Herschieben bzw. ein Hinauf- und Herunterschieben.

Wenn wir das Hauptmotiv, z. B. einen Menschen, genau in die Mitte des Bildes platzieren, wirkt das oft zu symmetrisch und zu langweilig. Im Sinne der Formel von Birkhoff könnte man auch von zu viel Ordnung sprechen. Stellen wir die Person ganz nach rechts an den Rand, entsteht ein Ungleichgewicht, oder mit Birkhoff unnötige Komplexität. Irgendwo dazwischen, zwischen Rand und Mitte erhalten wir das richtige Verhältnis von Ordnung und Komplexität. Wir sehen das auch an den Bildformaten selbst. Ein quadratisches Bild wirkt sehr streng symmetrisch und fast langweilig. Ein langgestrecktes Panoramaformat gefällt normalerweise auch nicht so richtig. Die üblichen Bildformate, deren Seiten ungefähr im Verhältnis des Goldenen Schnitts stehen, empfinden wir als angenehmer. Sie entsprechen ja auch annähernd dem Blickwinkel des Auges.
Beispiel: Der Einkaufswagen teilt das Foto mit seiner rechten Kante etwa im Goldenen Schnitt. Trotz asymmetrischer, nach links gerückter Zentralperspektive wirkt das Foto stabil und harmonisch.


Im Goldenen Schnitt

Geometrie der Bildfläche

Die Bildfläche hat einige prägnante geometrische Eigenschaften, die für die Bildgestaltung genutzt werden können.
Das beginnt mit dem Aufnahmeformat. Ein Format, das dem Goldenen Schnitt entspricht, bringt schon einmal einen ästhetischen Mehrwert. Nach Birkhoff ist der ästhetische Wert eines Quadrates geringer, als der eines Rechtecks. Stark vom Goldenen Schnitt abweichende Formate, wie etwa bei Panoramafotos üblich, reduzieren den ästhetischen Wert. Auch bei Hochformaten ist Vorsicht geboten, weil sie der menschlichen Wahrnehmung im Grunde zuwider laufen. Allerdings passt das Hochformat gut zu den Buchformaten und erlebt gerade eine weite Verbreitung über die Smartphone-Fotografie. Wie bedeutend der Rahmen für die Ästhetik eines Fotos ist, sehen wir daran, dass viele Fotos durch einen umgebenden Rahmen ästhetischer wirken.

Das geometrische Grundgerüst eines rechtwinkligen Bildformats sind die waagrechte und senkrechte Symmetrieachse und ihre Parallelen, sowie die beiden Diagonalen und deren Parallelen. Im Schnittpunkt liegt die geometrische Bildmitte. Vereinfacht ausgedrückt kann man versuchen, die Fotoszene oder Teile davon an Waagrechten (Horizontalen), Senkrechten (Vertikalen) oder Diagonalen auszurichten. Typisch und meistens sinnvoll ist die waagrechte Ausrichtung des Horizonts und die senkrechte Ausrichtung von Objekten, die auch in der Realität senkrecht stehen. Nach der Birkhoff erhöht sich dabei der Grad der Ordnung:
M = O / C; Optimaler Ästhetikwert = 1
M = aesthetic measure O = aesthetic order C = complexity

Eine zu strenge Ausrichtung an der Geometrie der Bildfläche kann auch zu viel Ordnung bedeuten. Das Foto wirkt dann eventuell steril, formal, statisch oder langweilig. Auf das Gleichgewicht zwischen Ordnung (Ausrichtung) und Komplexität kommt es an. Wieweit eine Ausrichtung an den geometrischen Eigenschaften der Bildfläche sinnvoll ist, wird noch im Bereich Psychologie behandelt. Die geometrisch richtige Ausrichtung wirkt in der menschlichen Wahrnehmung manchmal falsch und die geometrisch falsche Ausrichtung kann umgekehrt zu einer als richtig empfundenen Wahrnehmung führen.

Beispiel: Waagrechte und parallele Ausrichtung des Containers an den Bildrändern. Man erwartet bei den meisten Fotos, dass der Horizont waagrecht im Foto liegt. Andere Lagen müssen einen guten Grund haben, wenn sie nicht wie ein Fehler oder Nachlässigkeit wirken sollen. Zudem ist der Container leicht nach links versetzt. Dadurch wird einerseits die übertriebene Ordnung etwas reduziert und andererseits eine bessere Balance erreicht. Die rechte Bildhälfte wird in der menschlichen Wahrnehmung etwas stärker gewichtet. Bei einem Versatz nach rechts wäre das Foto nach rechts gekippt. Es sei denn, man hätte in den freien Raum links z.B. noch einen Besucher gesetzt, der für den Ausgleich gesorgt hätte.


Geometrische Frontalansicht

Beispiel: Geländerverlauf in der Bilddiagonale. Es ging um die Aufschriften an der Geländerunterseite. Die Streben des Geländers stehen stabil senkrecht und parallel.

Geländer in die Bilddiagonale gelegt

Im Grunde genommen ist jedes halbwegs gute Foto solide in der Geometrie der Bildfläche verankert. Rahmen und Format sind wesentlicher Teil der Wahrnehmung des Fotos. Unsere normale und direkte Wahrnehmung hat dagegen keinen scharf umgrenzten Rahmen. Sicher einer der Gründe, warum wir die auf Fotos abgebildete Realität etwas anders wahrnehmen als die direkte unvermittelte Realität. Normalerweise nehmen wir einen schiefen Horizont gar nicht wahr. Erst innerhalb des Rahmens eines Fotos fällt er uns dann unangenehm auf. Überhaupt bietet der Rahmen einen Vergleich, der uns schiefe Linien sofort deutlich erkennen lässt.

Perspektive

Im Bereich der Perspektive finden wir viele verwirrende Begriffe und Aussagen. Dabei ist alles ganz einfach. Perspektive entsteht als Resultat der Projektion einer realen Fotoszene auf Film oder Sensor. Die Perspektive ist das zweidimensionale Abbild einer dreidimensionalen Realität. Bei dem Projektionsverfahren der gewöhnlichen Kameras handelt es sich um eine klassische Zentralprojektion. Auch das menschliche Auge benutzt diese Projektion als Basis des Wahrnehmungsvorgangs. Wenn wir ein Auge auf einen Punkt des Motivs konzentrieren und das Auge nicht bewegen, erhalten wir fast dasselbe Abbild auf der Netzhaut wie das Abbild der Kamera aus gleicher Position auf dem Sensor. Allerdings sehen wir die Randbereiche unscharf. Betrachten wir ein Foto, erzeugt das Auge ein Abbild des Fotos auf der Netzhaut, welches sich nur wenig von dem Abbild der direkt gesehenen Realität unterscheidet. Jedoch entsteht das Wahrnehmungsabbild aus einer Reihe von durch Augenbewegungen hervorgerufenen Einzelbildern und wird außerdem noch in gewissen Grenzen vom Gehirn korrigiert. Aber das geht dann in den Bereich Wahrnehmungspsychologie und kann bei der Betrachtung der Perspektive zunächst einmal weggelassen werden. Die perspektivische Projektion ist jedenfalls Grundlage für die realistische räumliche Wirkung der Fotografie. Daher sind die Eigenschaften der Zentralprojektion für die Bildgestaltung von großer Bedeutung. Egal worauf wir die Kamera richten, welchen Standpunkt wir dabei einnehmen, oder welches Objektiv wir verwenden, immer erhalten wir ein korrektes perspektivisches Abbild nach den Regeln der Zentralprojektion. Im Gegensatz zu einem Zeichner brauchen wir die Perspektive glücklicherweise nicht konstruieren. Sie wird von der Kamera automatisch erzeugt.

Ausgangspunkt ist immer eine gewünschte Fotoszene, die unseren Sucherbereich ausfüllt. Es soll nicht mehr oder weniger aufs Foto kommen. Durch Variationen von Entfernung und Richtung ergeben sich dann eine Vielzahl von recht unterschiedlich wirkenden perspektivischen Abbildungen ein und derselben Szene. Erleichtert wird das Auffinden der besten Perspektive, wenn Sie einige Grundeigenschaften der Zentralprojektion kennen. Sie sind dann flexibler und wissen schon im Voraus, welche Wirkungen es haben wird, wenn Sie näher herangehen mit Weitwinkelobjektiv oder weiter weggehen und ein Teleobjektiv verwenden. Auch werden Sie schneller herausfinden, welche Aufnahmerichtung am günstigsten ist.

Die Zentralprojektion – Merkmale

Abbildung: Grundschema der Projektion. Letztlich kann man alle Fragen zur Perspektive beantworten, wenn man Millimeterpapier und Lineal zur Hand hat. Man kann hier unmittelbar erkennen, wie Brennweite, Bildwinkel und Sensorgröße zusammenhängen. Verschiebt man das Projektionszentrum so, dass die Brennweite kürzer wird, vergrößert sich der Bildwinkel. Der Grund, warum Weitwinkelobjektive kurze Brennweiten haben. Verkleinert man den Sensor, wird der Bildwinkel kleiner. Der Grund, warum Kompaktkameras mit kleinen Sensoren bei gleicher Brennweite einen kleineren Bildwinkel haben und Teleobjektive so kompakt ausfallen.


Schema der klassischen Zentralprojektion:

Objekte in der gleichen Entfernungsebene

Die Entfernungsebene ist eine parallel zu unserem Sensor und senkrecht zur optischen Achse der Kamera liegende Ebene in der Foto-Szene. Man kann sich vorstellen, dass eine ganze Schar solcher Entfernungsebenen unsere Foto-Szene unterteilt. Objekte, die in der gleichen Entfernungsebene liegen, werden proportional zu ihrer tatsächlichen Größe dargestellt. Gleich große Objekte erscheinen gleich groß, egal ob sie in der Mitte oder am Rand der Foto-Szene sind. Das ist schon verblüffend, weil Objekte im Randbereich des Motivs weiter von unserem Standpunkt entfernt liegen. Und wenn wir den Blick darauf richten, auch kleiner erscheinen als ein gleich großes Objekt direkt vor uns in der Mitte der Foto-Szene.

Abbildung unten: zwei verschieden große Objekte in der gleichen Entfernungsebene werden proportional im tatsächlichen Größenverhältnis dargestellt.


Objekte in der gleichen Entfernungsebene

Abbildung unten: zwei gleich große Objekte in unterschiedlichen Entfernungsebenen. Das weiter entfernte wird kleiner abgebildet.

Perspektivische Verkleinerung


Weiter entferntes Objekt wird kleiner dargestellt

Bei großen Objekten, die schräg zur optischen Achse liegen, werden weiter von der Kamera entfernte Teile kleiner dargestellt. Die Verkleinerung schräger Objekte sind auffälligstes Merkmal der Perspektive. Stürzende Linien, Fluchtung, Zusammenrücken von Objektdetails (z.B. Eisenbahnschwellen) rufen den typischen Räumlichkeitseindruck hervor.

Abbildung unten: Objekt schräg zur optischen Achse über verschiedene Entfernungsebenen. Violett = gleich großes Objekt senkrecht zur optischen Achse.

Ein schräges Objekt erscheint kleiner

Der Sehwinkel

Manchmal auch Abbildungswinkel genannt, ist der Winkel, unter dem einzelne Objekte und Objektteile von der Kamera erfasst werden. Nicht zu verwechseln mit dem durch das Objektiv gegebenen Bildwinkel. Der Sehwinkel ergibt sich aus der Objektentfernung und der Lage der optischen Achse zum Objekt.
Abbildung unten: der Sehwinkel wird mit größerer Entfernung kleiner. Aufnahmen aus der Nähe zeigen daher mehr vom Motiv.


Unterschiedliche Seh- oder Abbildungswinkel

Der Sehwinkel ist der wichtigste Faktor der räumlichen Darstellung. Er entscheidet darüber, welche Flächen eines Objekts überhaupt abgebildet werden. Das obige Beispiel zeigt die Abhängigkeit des Sehwinkels von der Entfernung. Aber auch die Richtung der optischen Achse spielt eine große Rolle. Von einem kubischen Objekt, z. B. einem Wohnblock, können maximal drei Flächen gezeigt werden. Stehe ich auf Bodenhöhe, habe ich keinen Sehwinkel für die Dachfläche. Über Eck bekomme ich zwei Flächen. Direkt frontal und mittig nur eine Fläche, weil ich die Seitenflächen nicht sehe. Außer ich bewege mich seitwärts über die Gebäudeecke hinaus, so dass das Gebäude seitlich von mir steht. Für maximale Räumlichkeitswirkung bräuchte ich einen Standpunkt oberhalb der Höhe des Wohnblocks oder eine Fotodrohne. Aber räumliche Darstellung ist auch bei kleineren, von oben fotografierbaren Motiv-Szenen wichtig. Beispielsweise bei Stillleben. Denn die Proportionalität, Natürlichkeit oder perspektivische Dynamik der Objekte wird durch Entfernung und Richtung bestimmt. Und der normalerweise nicht erwähnte Seh- oder Abbildungswinkel spielt dabei eine zentrale Rolle. Daraus ergibt sich auch etwas für die Praxis:

Tipp: Nutzen Sie jede Gelegenheit, um von oben zu fotografieren. Das ergibt verblüffende Räumlichkeitseffekte.

Ein speziell aufgebautes Beispiel:

Um das Ganze etwas zu konkretisieren hier ein Allround-Praxisbeispiel. Vor vielen Jahren hatte ich einmal in einem improvisierten Fotostudio einen Perspektive-Versuch aufgebaut. (Die besseren Originalfotos kommen beim nächsten Update). Vier kleine Modellautos auf einem quadratisch linierten Karton. Die optische Achse zielt genau auf die Mitte des Kartons. Sie hat in beiden Fotos einen Winkel von 20 Grad zur Standfläche der Autos. Das oben Gesagte wird an diesem Beispiel noch einmal verifiziert:

Gleiche Richtung – unterschiedliche Entfernungen

Gleiche Entfernungsebene

Gleich große Objekte in der gleichen Entfernungsebene werden gleich groß abgebildet. Man kann das an beiden Fotos sehen. Stärker bei der Weitwinkelaufnahme.

Objekte in unterschiedlichen Entfernungsebenen

Die beiden Auto hinten stehen in einer weiter entfernten Ebene und werden kleiner abgebildet als die Autos vorne. Der Effekt ist bei geringer Aufnahmeentfernung (Weitwinkel, rechts) deutlich stärker. Rechts wirkt dynamischer, links kompakter.

Großes Objekt über verschiedene Entfernungsebenen

Die Standfläche der Autos ist ein Objekt, das sich über mehrere Entfernungsebenen ausdehnt. Diese Fläche liegt schräg zur optischen Achse. Man kann an den eingezeichneten Quadraten sehen, dass die Standfläche sich immer mehr verkürzt, je weiter sie weg ist. Bei Weitwinkel ist diese Verkürzung progressiv und stärker. Bei Teleobjektiv bleibt sie für alle Quadrate fast gleich.

Sehwinkel

Vergleichen wir einmal die beiden Fotos. Links nah dran mit Weitwinkelobjektiv. Rechts weit weg mit Teleobjektiv. Die Lage der optischen Achse ist in beiden Fällen genau gleich. Links sehen wir fast nichts von den Seiten der Autos. Rechts dagegen deutlich mehr. Die Sehwinkel auf die Seitenflächen werden eben größer, wenn man näher herangeht. Ein Vorteil der Weitwinkelperspektive.

Teleperspektive

Links sehen wir eine hochgradig proportionale Abbildung.mit einer nur geringen perspektivischen Verkleinerung und Fluchtung. Alle Autos sind trotz unterschiedlicher Entfernungsebenen nahezu gleich groß. Die Quadrate der Standfläche ebenfalls. Wirksam wird hauptsächlich die Verkürzung durch die Abbildungswinkel. Es mag verblüffen, aber die Standfläche ist beim Teleobjektiv links deutlich größer und weniger verkürzt als bei der Weitwinkelaufnahme. Verblüffend deswegen, weil die Teleperspektive oft als flach charakterisiert wird. Dabei hängt die räumliche Wirkung eines Motivs auch von der Richtung bzw. der Lage der optischen Achse ab. Wird die Richtung geschickt gewählt, erzielt man mit langen Brennweiten eine Perspektive, die fast identisch mit der zeichnerischen Parallelperspektive ist. Sie wird besonders gerne von Konstrukteuren und Architekten verwendet und findet sich auch häufig in der Kunst. Gerade wegen der proportionalen und realistischen Räumlichkeit. In der Praxis werden Teleobjektive aus weiterer Distanz zum Motiv eingesetzt. Die Kamera wird in Augenhöhe gehalten. Und je weiter man vom Motiv weggeht, desto kleiner wird dann der Sehwinkel auf die Standfläche des Motivs. Alles scheint auf einer Linie zusammen zu rücken. Von einem erhöhten Standpunkt sieht das dann natürlich ganz anders aus.

Weitwinkelperspektive

Rechts eine typische Weitwinkelperspektive. Vorne befindliche Objekte erscheinen vergrößert, hinten stehende extrem verkleinert. Bei Gebäuden erhält man die berüchtigten stürzenden Linien. In der Standebene des Motivs sehen wir z.B. stark zusammenlaufende, fluchtende Geraden, wie wir sie beispielsweise von Bahngleisen oder Straßen kennen.

Ästhetische Wirkungen der Perspektive

Eine Perspektive wirkt in der Regel ordnend im Sinne von Birkhoffs Formel M=O/C
Am stärksten wirkt wohl die Teleperspektive mit ihrer proportionalen und ruhigen Ordnung. Maximum Parallelperspektive. Ebenfalls stark ordnend ist die oft mit Weitwinkel erzielte Zentralperspektive, bei der alle in den Raum führenden Linien in einem gemeinsamen Fluchtpunkt, Nähe der Bildmitte, zusammenlaufen. Ein beliebtes Kompositionsschema in Kunst und Fotografie.

Weniger ordnend sind Fluchtpunktperspektiven mit zwei oder drei Fluchtpunkten. Oder Schrägansichten mit nur einem Fluchtpunkt rechts oder links. Diese wirken eher dynamisch. Hier muss die Ordnung durch geeignete Maßnahmen erhöht werden. Entzerrung, Ausrichten des Horizonts, Ausrichtung an der Geometrie des Bildformats. Diese Perspektiven sind eine Herausforderung für das Geschick des Fotografen.

Sekundärperspektiven

Oft findet man innerhalb der Hauptperspektive noch Nebenperspektiven. Spiegelungen, Fotos innerhalb des Motivausschnitts und Schattenprojektionen können ein Foto oftmals interessanter machen oder aber auch stören.

Perspektive Beispiele:
Zentralperspektive
Abbildung unten: Es gibt einen Hauptfluchtpunkt. Bei der Zentralperspektive in der Nähe der Bildmitte.


Zentralperspektive

Perspektive mit einem Fluchtpunkt seitlich

Abbildung unten: Der Hauptfluchtpunkt liegt seitlich links auf dem Horizont. Typisch für Gebäudeansichten, die man frontal nicht erfassen will oder kann. Gleichzeitig handelt es sich auch um ein dynamisches Gestaltungselement. Frontalansichten sind oft langweilig.

Schrägansicht mit einem Fluchtpunkt links

Perspektive mit zwei Fluchtpunkten

Abbildung unten: Es gibt zwei Hauptfluchtpunkte, die sich auf dem Horizont befinden. Eine beliebte Darstellung von Gebäuden, wenn man aus Standhöhe fotografiert. Man sieht immerhin zwei Seiten und die Räumlichkeit ist deutlich stärker als bei einer Frontalansicht oder einer Schrägansicht mit nur einem Fluchtpunkt.

Fluchtpunktperspektive mit zwei Fluchtpunkten

Sekundärperspektive

Die Einbeziehung von Spiegelungen und Schattenprojektionen macht Fotos praktisch immer besser, interessanter und ästhetischer. Denken Sie an die Spiegelungen in Pfützen, Spiegeln, Fenstern oder anderen reflektierenden Flächen. Und Schatten können neben der Objektmodellierung ein fantastisches Eigenleben entwickeln. Auch fotografierte Fotos oder Gemälde mit jeweils eigenen Perspektiven wirken stark.


Sekundärperspektive Schattenprojektion

Sekundärperspektive Foto im Foto:

Sekundärperspektive durch Spiegel

Modellierung

Ich verwende den relativ neutralen Begriff der Modellierung, um unterschiedliche ästhetische Phänomene und Begriffe gleichartig in Bezug zur erreichbaren Ästhetik zu bringen. Ist auf einer Foto-Szene wenig Unterscheidbares zu sehen, haben wir eine geringe Modellierung. Sieht man viele Details und unterscheidbare Objekte, ist die Modellierung hoch. Je mehr Modellierung vorhanden ist, desto größer wird die Information und Komplexität der Szene. Nach der Formel von Birkhoff muss die Erhöhung der Komplexität durch eine Verstärkung der Ordnung ausgeglichen werden. Die Komposition ist schwieriger als bei Foto-Szenen geringer Komplexität. Wir kennen das. Je einfacher das Motiv, desto leichter ist es ästhetisch darstellbar. Verschiedene Gestaltungsmittel werden daher im folgenden darauf untersucht, inwieweit sie die Modellierung reduzieren, verstärken und beeinflussen. Diese Betrachtungsweise ist zugegeben etwas formal, stellt aber immerhin einen einheitlichen Bezug zur ästhetischen Wirkung her. Die psychologische und kommunikative Dimension der ästhetischen Mittel – wie etwa der Farben – kann davon getrennt behandelt werden.

Hier eine einfache Mindmap, welche die grundsätzlichen Möglichkeiten der Modellierung veranschaulicht:

Mindmap Modellierung

Man kann Objekte hervorheben oder verschwinden lassen. Unerwünschte Details abschwächen. Wichtige Details betonen. Und nicht selten kann man dabei zu mehreren Mitteln greifen, wenn eines nicht ausreicht. Für die wichtigsten Mittel habe ich eine Art Checkliste erstellt:

Hell-Dunkel

Helligkeitsunterschiede sind durch Richtung und Art des Lichts oder der Lichtquellen bestimmt. Aber auch die Beschaffenheit der Objektoberflächen und die unterschiedliche Lage der Objekte einer Foto-Szene zur Lichtquelle spielen eine Rolle. Je nach Beleuchtung treten Objekte in den Vordergrund und erscheinen hervorgehoben. Andere verschwinden im Schatten oder in den hellen Bereichen. Nachtaufnahmen wirken nicht zuletzt deswegen ästhetisch, weil unwichtige Details im Dunkeln verschwinden. Nach Birkhoff sinkt die Komplexität. Dasselbe gilt für Nebel oder starken Regen.

Farben

Farben sind in erster Linie Objekteigenschaften unserer Foto-Szene. Aber Hell-Dunkel und die Art der Lichtquellen haben ebenfalls Einfluss. Kontrastierende Farben führen zu Hervorhebung und Objektbetonung. Gleiche oder harmonische Farben reduzieren den Objektkontrast. Unterschiedliche Farben führen aber auch zu einer Differenzierung unserer Foto-Szene. Besonders wenn keine großen Helligkeitsunterschiede bestehen.

Formen

Formen sind Eigenschaften der Objekte unserer Foto-Szene. Wir können sie aber nur sehen, weil sie sich über Hell-Dunkel oder Farben von benachbarten Objekten unterscheiden. Formen können zu anderen Formen kontrastieren und sich dadurch hervorheben. Oder in einer Ansammlung gleichartiger Formen ihre individuelle Bedeutung verlieren.

Textur

Textur entsteht durch eine Vielzahl kleiner gleichartiger, oft regelmäßig angeordneter Objekte oder durch die Oberflächenbeschaffenheit größerer Objekte. Objekte mit einer zur Umgebung unterschiedlichen Oberflächenstruktur werden hervorgehoben. Strukturen dienen aber auch generell zur Differenzierung der Motivszene. Bei gleichen Helligkeiten und Farben bleibt ggf. noch die Strukturdifferenzierung.

Scharf-Unscharf

Schärfe zieht sich als Tiefenschärfe über die ganze Foto-Szene oder erfasst nur einen begrenzten Bereich, während die anderen Bereiche mehr oder weniger unscharf erscheinen. Scharf dargestellte Objekte werden hervorgehoben. Objekte im Unschärfebereich werden unwichtig oder lösen sich ganz auf. Man braucht dazu lichtstarke Objektive. Der unscharfe Bereich verliert an Komplexität und Information. Deswegen wirken solche Fotos oft hoch ästhetisch.

Bewegungsunschärfe

Durch Bewegung verursachte Unschärfe ist ein Spezialfall von Scharf-Unscharf. Bewegte Objekte werden durch lange Belichtungszeiten unscharf. Oder die Kamera wird bei langer Belichtungszeit bewegt. Der berühmte Mitzieher bei Rennautos. Dann wird der Hintergrund unscharf und das Auto bleibt scharf. Bewegung ist der Hauptfaktor für unsere Aufmerksamkeitslenkung. Es entstehen Bewegungsspuren. Diese Spuren sind in der Realität so nicht wahrzunehmen und haben ihre ganz eigenen Reize.

Modellierung Beispiele

Beispiel unten: Modellierung durch Textur. Dehnungsspalt einer Autobahnbrücke senkrecht von unten fotografiert. Der symmetrische Aufbau ist zwar dem Objekt angemessen, aber auch etwas langweilig. Die Struktur macht das Motiv wieder interessanter.

Betonstruktur

Beispiel unten: Modellierung durch Bewegungsunschärfe oder Verwischung. Lichtspur Autobewegung. Lichtspuren durch zusätzliche Kamerabewegung.


Licht- und Bewegungsspuren

Beispiel unten: Nacht und Nebel.
Durch Dunkelheit und durch Nebel werden Details verschluckt. In dunklen oder nebligen Bereichen ist die Differenzierung gering. Die Komplexität des Fotos sinkt. Und der ästhetische Wert nach Birkhoff steigt. Die bildwichtigen Teile werden jedoch hervorgehoben.


Nacht und Nebel

Beispiel unten: Gegenlicht
Diese gewöhnliche urbane Szenerie wird durch Gegenlicht geradezu malerisch modelliert.

Malerei durch weiches Licht