Psychologie der Farben

Wir Fotografen haben es zunächst einmal einfach. Das fotografische System liefert uns die Farben automatisch. Farben sind Eigenschaften unserer Foto-Szene. Viele Hobbyfotografen belassen die Farben dann auch so. Der rein dokumentarische Ansatz. Andere wandeln in Schwarz-Weiß um, weil sie die Farben zu Recht als ästhetisch problematisch erkennen. Die Farben passen oftmals schlichtweg überhaupt nicht zum Motiv und erzeugen eine ungewollte Stimmung oder Assoziation. Zu Zeiten der analogen Fotografie, bis etwa Ende der 80er Jahre, gab es nur wenig Möglichkeiten, die Farben im Laborprozess zu beeinflussen. Ab etwa 1990 begann man damit, Negative und Positive über einen Scanner in ein digitales Format zu wandeln, welches dann mit einer Bildbearbeitung verändert werden konnte. Dadurch verbesserte sich die Situation grundlegend. Die Bildbearbeitungssoftware hat seither riesige Fortschritte gemacht und ermöglicht auch Hobbyfotografen die weitgehende Manipulation und Anpassung von Farben.

Ich möchte hier mit Adobe Photoshop Lightroom einmal ausnahmsweise ein Produkt anführen. Mit Lightroom kann man die Ausgangsfarben eines Fotos intuitiv und ohne Beschäftigung mit irgendwelchen Farbtheorien auf den Zweck und Inhalt des Fotos abstimmen. Dort lassen sich die Grundfarben: Rot, Orange, Gelb, Aquamarin, Blau, Lila, Magenta in Farbton, Sättigung und Luminanz variieren. Wie wenn man einen einfachen Farbkasten hätte, mit dem man vorhandene Farben einfach auf Sicht verändern kann. Probieren Sie es selbst aus! Denn alle Theorie ist grau. Lightroom ist wie ein heuristisches (entdeckendes) Modell für Farbkonstellationen und Farbwirkungen. Die Farben als solche bleiben dabei erhalten, man kann also nicht Rot in Grün verwandeln. Will man das, bleibt nur die Weiterbearbeitung in einer Bildbearbeitung wie Adobe Photoshop oder Gimp.

Die üblichen Farbassoziationen müssen nicht unbedingt in psychologischen oder esoterischen Schriften nachgelesen werden. Sie sind schon in unserer Umgangssprache reichlich enthalten. Die Farbpsychologie hat sich sozusagen in der Alltagssprache niedergeschlagen oder war dort schon immer vorhanden. Ein kurzes Brainstorming kann genügen, um abzuschätzen, ob und wie eine bestimmte Farbe oder eine Farbabstimmung zu unserem Fotomotiv und der damit verbundenen Absicht passt. Der praktische Ansatz für Leute mit Farbgefühl und Farbgeschmack ohne jede Farbtheorie realisierbar.

Natürlich kann man diesen Farbgeschmack verfeinern und schulen, wenn man zum Beispiel die Farbigkeit von Werken der Malerei studiert oder die Farbenlehren von Goethe, Itten und Kandinsky. Auch wenn die künstlerischen Farbenlehren ästhetische Systeme darstellen, sind sie im Grunde reine Psychologie. Eine systematische Darstellung dieser Lehren könnte einen ganzen Band füllen und ist auch außerordentlich schwierig. So ein kluger Kopf wie Goethe hat Jahre seines Lebens mit der Farbtheorie verbracht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wahrnehmung von Farben von individuellem Geschmack und auch von Moden beeinflusst wird. Manchen kann es nicht bunt genug sein. Andere bevorzugen gedeckte oder unbunte Farben. Besonders auffällig bei Kleidung und Autos. Ebenso scheint das Alter der Betrachter eine Rolle zu spielen. Und manche Menschen haben auch offensichtlich keinerlei Farbgeschmack, was man aus der Zusammenstellung der Kleidung folgern kann. Ich habe aufgrund der außerordentlichen Komplexität des Themas beschlossen, eine systematische Behandlung der Farben entweder später als Erweiterung zu ergänzen oder überhaupt getrennt, als eine Abhandlung über Farbfotografie in Angriff zu nehmen.

Tipp: Weniger ist Mehr

Schwarz-Weiß

Im Zweifelsall und bei manchen Themen – wie z.Beispiel Streetfotografie – kann man auch einmal mit Gewinn ganz auf Farbe verzichten und nach Schwarz-Weiß umwandeln.

Verringerung der Farbsättigung

Je nach Witterung, Licht und Objektfarben finden wir auch in der Realität Motiv-Szenen mit einer nur geringen Farbigkeit. Dann wirken wenig gesättigte Farben natürlich. Wir können die Sättigung der Farben einzeln oder gesamt aber auch in der Bildbearbeitung reduzieren. Allerdings ist Vorsicht geboten, weil das schnell zu unnatürlichen Wirkungen führen kann. Es spricht aber nichts dagegen, einen grellblauen Himmel und giftgrünes Gras etwas zu entsättigen, weil die meisten Farbsensoren hier sowieso zu viel Farbe liefern. Sonst hat man schnell den typischen Postkartenkitsch.

Anwendung eines Farbprofils

Lightroom stellt einige Farbprofile zur Verfügung, die zu einer Vereinheitlichung bei unterschiedlichen im Foto vorkommenden Farben führen. Damit wird die Komplexität der Farbigkeit reduziert. Und schon sind wir wieder bei der Birkhoff’schen Formel des ästhetischen Maßes.

Die Szene im Beispiel unten wirkt ein bisschen zu bunt. Farben original.

Foto-Szene etwas zu bunt

Dieselbe Szene mit Lightroom Bleach-Bypass-Farbprofil:

Etwas entsättigt und gebleicht

 

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