Fotografische Regeln vs. Intuition

Motiv – Fototechnik – Ästhetik – Aussage

 

Ich habe gerade eine Diskussion in einem Foto-Forum mitverfolgt. Es ging um Regeln der Fotogestaltung. Der Tenor war überwiegend ablehnend. Man setzt lieber auf Intuition, Spontanität und natürliche Kreativität als auf Regeln. Es herrscht geradezu ein Widerwille gegen jede Art von Regeln,  weil man im normalen Leben  schon genügend teils unsinnige Regeln einhalten muss.

Ich zitiere hier einmal aus Wikipedia: „Eine Regel ist eine aus bestimmten Regelmäßigkeiten abgeleitete, aus Erfahrungen und Erkenntnissen gewonnene, in Übereinkunft festgelegte, für einen bestimmten Bereich als verbindlich geltende Richtlinie. Das Wort Regel taucht als lateinisches Lehnwort regula, regile um das 9. Jahrhundert im Althochdeutschen auf (aus lat. regula  =Maßstab, Richtschnur) …“

Richtlinie klingt ja schon wesentlich entspannter als Regel. Eine Richtlinie kann, muss aber nicht eingehalten werden. Für eigenes Denken, Intuition und Kreativität bleibt also noch Spielraum.

Es kommt natürlich auch auf den Bereich an. Im fototechnischen Bereich werden solche Richtlinien auf der Basis naturwissenschaftlich technischer Tatsachen erstellt. Insofern sind sie problemlos und dazu da, demjenigen, der sich nicht tiefergehend mit der Technik beschäftigen will, eine einfache praktische Gebrauchsanweisung und Anleitung zu liefern. Das funktioniert und macht nicht umsonst den größten Teil aller Publikationen über Fotografie aus.

In technikzentrierten Publikationen  werden dann als eine Art Anhang auch gleich noch ein paar Regeln über die gute Bildgestaltung mitgeliefert, wenn man schon mal bei Regeln ist. Und immer betont, dass man diese Regeln auch brechen kann. Aber Regeln, die man beliebig brechen kann, sind genau genommen gar keine Regeln mehr, sondern allenfalls sehr unverbindliche Richtlinien. Regel ist in der Bildgestaltung schlicht und einfach ein unglücklich gewählter Begriff, welcher falsche Assoziationen erweckt.

Der Begriff „Regel“ bringt hauptsächlich deswegen nichts, weil die Theorien zur Bildgestaltung keine exakten Wissenschaften sind. Eine gewisse Ausnahme bildet hier die Wahrnehmungspsychologie, die wenigstens empirisch ist, und großenteils auf Experimenten und deren statistischen Auswertung beruht. Alles in allem ist es aber vernünftiger und praktischer, anstelle von Regeln von Mitteln zu reden. Es handelt sich einfach um gestalterische Mittel, die von Fall zu Fall je nach Motiv und Absicht sinnvoll und begründet sein können. Neben den technischen Regeln gibt es dann eben die gestalterischen Mittel. Die sogenannte Drittelregel ist also keine Regel, sondern eine teilweise bewährte Methode der Bildaufteilung. Ebenso der Goldene Schnitt und alle anderen Mittel.

Auch wenn die Theorien im Bereich Bildgestaltung nicht exakt sind, geben sie doch eine Menge Hinweise, auf was man achten könnte. Eine große Fülle von Anregungen und kreativen Möglichkeiten. Die Intuition kann dann dazu verwendet werden, sich die passenden Mittel auszusuchen und diese zu variieren. Man muss ja auch bedenken, dass Intuition zum großen Teil auf  Erfahrung und Wissen beruht, welche im Laufe der Zeit ins Unterbewusstsein gelangt sind.

Unabhängig von allem möglichen Wissen über Gestaltung bleibt allerdings noch eine reine auf Wahrnehmung beruhende Intuition. Eine Sensibilität, die auch ohne jedes Wissen zu einer ausgwogenen und im Gleichgewicht befindlichen Bildstruktur führen kann. Sicher gibt es auch eine Art künstlerischer Begabung, die hilfreich sein kann. Ein Gefühl für Formen, Farben, Harmonien. Räumliches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen spielen ebenfalls eine Rolle. Bei schwierigen und sperrigen Motiven geht das aber leicht schief. Dort ist es gut, wenn man verschiedene Gestaltungsvarianten auf der Hinterhand hat und ausprobieren kann.

 

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