Ästhetisches Maß M=O/C – Beispiel 1

Motiv – Fototechnik – Ästhetik – Aussage

Gestaltungsregeln für Kunst und Fotografie gibt es massenweise. Das folgende Gesetz umfasst praktisch jede bekannte Kompositionsregel. Und ermöglicht deren Einordnung und Gewichtung hier speziell für die fotografische Komposition.

George David Birkhoff (1884–1944), ein amerikanischer Mathematiker, hat aufgrund von Kunststudien über antike Vasen eine Formel der Äesthetik oder Schönheit entwickelt. Die Berechnungen hat er anhand von Polygonen durchgeführt, die sich durch die Verbindung einzelner in einem Bild unterscheidbarer Objekte ergeben. Je mehr solche Objekte vorhanden sind und Verbindungen zwischen ihnen hergestellt werden können, desto größer ist die Komplexität. Ordnende Faktoren ergeben sich unter anderem aus Lage, Symmetrien und Form der Objekte. Ein maximaler aesthetischer Wert M = 1 wird erreicht, wenn sich Komplexität und Ordnung die Waage halten.

M = O / C

M = aesthetic measure  O = aesthetic order  C = complexity

Selbstverständlich können wir beim Fotografieren keine mathematischen Analysen und Berechnungen anhand von Polygonen durchführen. Aber wir können die Formel trotzdem ganz praktisch als ein heuristisches Modell betrachten und einmal schauen, wie komplex die zu fotografierende Szene ist und mit welchen Mitteln man sie so ordnen kann, dass man sich gefühlsmäßig einem Gleichgewicht zwischen O und C und damit einer guten Ästhetik annähert. Aber bleiben wir noch einmal kurz bei den Polygonen. Fotografieren wir zum Beispiel ein Gebäude direkt frontal und in der Mitte und haben einen erhöhten Standpunkt, so dass die optische Achse unserer Kamera auf die Mitte der Gebäudehöhe zielt, bekommen wir ein perfektes Rechteck (Polygon). Die Ästhetik des Fotos ist damit schon beinahe sicher. Fotografieren wir aus Augenhöhe und stehen tiefer als die Gebäudemitte, ist es vorbei mit dem Rechteck. Wir erhalten die berüchtigten stürzenden Linien. Aber immerhin hat das Polygon noch eine Achsensymmetrie. Der ästhetische Wert ist bereits reduziert. Komplex wird das Ganze, wenn wir das Gebäude über Eck fotografieren und noch tief stehen. Dann ist es vorbei mit Symmetrie und Ästhetik. Man muss  schon eine Reihe von Maßnahmen treffen, um dem Foto noch ausgleichende Ordnung zu verpassen.

Wir können in beliebigen Motiven Elemente der Ordnung und Elemente der Komplexität finden.  Ein kleines ästhetisches Experiment mit Ordnung und Komplexität:

Beide Fotos sind nicht sonderlich ästhetisch, zumal das schlammige Wasser nicht unbedingt appetitlich scheint. Das obere Foto hat deutlich mehr Ordnung. Der Schlamm ist homogener als unten und dieser rechtwinklige Holzrahmen ist ein erkennbares und ordentlich an den Bildrändern ausgerichtetes Objekt. Etwas zu ordentlich mit Tendenz zum Langweiligen.

Unten herrscht das Chaos. Eine zerfetzte Plastiktüte und angeschwemmte Zweige. Aber die Plastiktüte liegt in der Bilddiagonale. Die Zweige bilden Parallelen dazu und es gibt eine gefühlte Gegendiagonale durch andere Kleinteile. Also eine geometrische Ordnung. Das Foto wirkt dynamischer und mir gefällt es besser als das Foto oben. Das Ästhetische Maß M ist größer. Eine rein ästhetische Betrachtung. So richtig interessant ist das Foto nicht. Wie bei vielen ästhetischen Experimenten oder Stracts fehlt es etwas an der Aussage. Allerdings sind solche Stracts eine hervorragende Übung im Umgang mit Gestaltungsmitteln und können dann bei einem wirklich interessanten Motiv den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Hier an der gleichen Stelle, zur selben Zeit ein Motiv mit mehr Aussage:

 

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